Traust du dich?

Auf meinem alten Schulweg zur Grundschule gab es einen Spielplatz, der war ziemlich heruntergekommen und man munkelte, dass es unter den großen Kindern als besondere Mutprobe galt, vom Rutschenturm zu springen. Ob das stimmt, weiß ich nicht – als ich in das Alter für solche Späße kam, hatte man längst einen Parkplatz aus dem ganzen Gelände gemacht –, aber was ich weiß, ist: Der open Mike ist das literarische Pendent zu diesem Rutschenturm.

Jedes Jahr so Mitte/ Ende Mai kommt auf uns junge Autoren die Frage zu: Traust du dich?

Der seit 1993 jährlich stattfindende open Mike ist vermutlich der größte und renommierteste Wettbewerb für junge Autoren (bis 35), literarische Größen wie Karen Duve und Judith Zander sind aus ihm hervorgegangen, und auch die nominierten Liste liest sich ein bisschen wie ein who’s who.

Und da fragt man sich dann eben doch: „Ist es nicht Hybris, mich mit diesen Größen auf eine Stufe zu stellen? Und sei es nur im Geiste?“

Und was, wenn man tatsächlich in die Endauswahl käme, dann müsste man vor Gottweißwievielen, potentiell bösartigen Zuhörern lesen (schauderzitterangstschweiß)? Und was, wenn die dann an den falschen Stellen lachen?

Und was, wenn ich nicht auf die Nominiertenliste komme, was sagt das über mich aus? Bin ich dann ein schlechter Autor? Oder ein guter Autor mit einem schlechten Text? Oder ein guter Autor mit einem guten Text, der nur nicht gut ankam? Oder eben doch einfach ein schlechter Autor mit miesem Text?

Da diese Autorin sowieso von Visionen sich halbtotlachender Jurymitglieder gepeinigt wird, ist meine feige Entscheidung auch dieses Jahr gefallen, aber wer Schneid hat, kann seinen Text noch bis 10.07 hier (http://www.literaturwerkstatt.org/de/open-mike/ausschreibung-2013) einreichen.

Meine Bewunderung ist ihm gewiss.

Ihre Joan Weng

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