Von Spider-Man zur Arbeiterklasse – meine Leseempfehlungen für den Sommer

Also, es ist wirklich so, dass man im Blog-Team zu nichts gezwungen wird, ehrlich. Es ist wie eine große Familie. Und da gibt es ja auch schon mal den großen Bruder, der einem den Arm auf den Rücken dreht, aus Spaß. Oder die Schwester, die im Vorbeigehen Knüffe verteilt oder Ellenbogenstöße. Rein geschwisterlich. Nicht böse gemeint. Wie im Blog-Team eben.

Da kommt dann die Frage: „Na, schreibst du auch was über deine Urlaubslektüre, ein paar Leseempfehlungen?“ Und natürlich sage ich: „J-ja, klar.“ Spontan, unüberlegt, wie man eben antwortet mit dem Arm auf dem Rücken.

Dabei habe ich hier ein großes Problem. Ich lese nicht nur für den Beruf, sondern auch privat sehr gern, auch Klassiker: Storm, ein wenig Lessing, sogar Grillparzer, aber im Urlaub – im Urlaub  lese ich Comics. Ja, ich bekenne: Ich bin der Neunten Kunst verfallen. Und für den Urlaub ist es dann nicht die anspruchsvolle franko-belgische Schiene, es ist die amerikanische Massenware. Ich bin Marvel-Fan. Seit Jahren. Jetzt ist es raus. Puh.

Erst war es die Williams*-Sammlung, dann bin ich auf die amerikanischen Originale umgestiegen, habe Londons Comic-Höhlen nach fehlenden Ausgaben durchwühlt, später regelmäßig Päckchen bekommen mit den neuesten Ausgaben.

Dann verkaufte ich die ganze Sammlung, das Comic-Zimmer wurde zum Kinderzimmer – ein Tausch, den ich übrigens niemals bereut habe. Mittlerweile ist die Tochter dem Kinderzimmer und der elterlichen Wohnung entwachsen, es gibt wieder Platz und seit einigen Jahren bei Panini wieder deutschsprachige Marvel-Comics in ansprechender Aufmachung, nicht diesen Condor*-Scheiß. Und ich kann wieder mit einem Stapel druckfrischer Marvels in Urlaub fahren, mich in den kühlen Schatten setzen und erst einmal alles um mich herum vergessen.

Aber was schreibe ich nun im Blog als Leseempfehlung? Ich kann ja schlecht SECRET WARS, das aktuelle Crossover-Groß-Event besprechen. Oder die Spider-Man-Ausgaben, in denen Doc Ock Peter Parkers Körper übernahm, um ein besserer Spider-Man zu werden. Ein längerer Aufsatz über die grundsätzliche Ausrichtung der X-Men, der Intoleranz und Rassendiskriminierung symbolisch im Konflikt von Homo sapiens und Homo superior darstellt, wird jeden Nicht-Comic-Fan langweilen. Captain America reist durch die Staaten und lernt die Schattenseiten seiner Heimat kennen. Er ist also nicht mehr diese überpatriotische Symbolfigur, sondern zweifelt am American Way of Life. Marvel, das Haus der Wunder, ist erwachsen geworden.

Okay, geht immer noch nicht als Leseempfehlung durch, oder? Gut, ich nehme auch Bücher mit, so ein paar. „Ein Mann namens Ove“ hat mich sehr berührt, zum Lachen und Weinen gebracht. Das erwarte ich eigentlich von Frederik Backmans zweitem Buch „Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid“ auch. Deshalb kommt es in den Koffer. Der Mann ist übrigens nicht nur Schriftsteller, der ist auch Blogger. So steht es zumindest in seinem Wikipedia-Eintrag. Blogger. Das scheint sich ja zu einer Berufsbezeichnung zu entwickeln.

Aber gut, zurück zum Thema: Leseempfehlung. Ich werde mich noch einmal mit zwei bis drei Büchern von Somerset Maugham eindecken, wahrscheinlich mit einem Roman und einem Band mit Erzählungen. Warum? Weil mich seine Geschichten wirklich gefesselt haben. Mit ein paar kleinen Strichen entwarf er teilweise große menschliche Dramen. Vielleicht mag der eine oder die andere diesen großen Erzähler für sich entdecken. Leider gibt es wenig Lieferbares bei Diogenes, dafür aber viel erschwinglich Antiquarisches. Wer „Liza of Lambeth“ erstehen kann, hält damit auch ein Skandalwerk in den Händen, denn 1897 war die Upper Class schockiert über das Buch, dessen Handlung in der Arbeiterklasse angesiedelt war.

Aber das reicht auch an höherer Literatur. Schließlich habe ich meine Comics. Und demnächst bespreche ich die große Don-Martin-Werkausgabe ich drei Bänden. Da geht es dann richtig zur Sache (BA-ZONG). Die ist allerdings zu schwer als Urlaubslektüre (ÄCHZ).

Ihr Wolf P. Schneiderheinze

 

*Williams und Condor waren Verlage, die Marvel-Comics in Deutschland unters Volk brachten.

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