Das stille Haus 2: Hänsels Geständnis – Jürgen Block, Hänsel (Brüder Grimm)

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist nicht sofort da, sie ist ein schleichender Prozess. Sie wird immer und immer ein bissel schlimmer, aggressiver und exzessiver, die Gute. Ja, die PTBS ist allgegenwärtig. Ich kann sie nicht steuern, sie steuert mich.

Am schlimmsten ist es, wenn sie wiederholt wird, die Geschichte, bei Youtube oder im Kinderkanal. Dann tauche ich wieder ein. Automatisch, ohne mich im Mindesten wehren zu können. Ich denke mich selber in den Wald zurück, in den Ofen. Wie ich das erlebt habe, das Geschrei.

Vor Kurzem ging es mir so schlecht, dass Gretel mich in die Klinik verfrachten musste. Es lief ab wie immer. Ich hatte einen Weinkrampf gehabt und wusste nicht mehr ein noch aus. Zuerst lief es ganz gut. Ich habe mich super mit dem Psycho unterhalten und kriegte anscheinend schon die Kurve. Aber als ich aufstehen wollte, mich verabschieden, da ging’s wieder von vorne los.

Psycho: „Aber Sie haben doch keine Schuld. Verstehen Sie?“

Ich: „Wie?“

„Ihre Schwester hat die hässliche Hexe in den Ofen geschubst, nicht Sie. Sie saßen im Käfig und hatten satt zu essen.“

Bong! Da war’s wieder und ich fix und fertig.

So geht das, seit ich aus dem Wald raus bin: Achterbahn der Gefühle, Stimmung rauf und runter, kein Erbarmen in Sicht. Was nützt mir da unser schönes gelbes Haus, pflanzenumschlungen unter blaugehämmertem Himmel. Das wir uns von der Beute gekauft haben?

Hier, das ist mein Kinderbuch, das hat mir mein Vater geschenkt. Wie viele Tausend Mal habe ich das rauf und runter gelesen! Einzelne Geschichten haben wir sogar nachgespielt, zum Beispiel „Rotkäppchen und der Wolf.“ Und wenn ich brav war und der Gretel mein Stück Brot gab, durfte ich auch mal den Wolf spielen. Ach, wie unbeschwert war das Leben damals.

Okay, nur das mit unserer Stiefmutter, das war kein Zuckerschlecken, wahrlich nicht. Eines Tages nahm mich die Gretel zur Seite, schlug mein Buch auf und zeigte auf das Bild vom Drachen mit den sieben Köpfen. Sie sagte:

„Mein liebes Brüderlein, sei jetzt der Jüngling mit dem nackten Säbel und säbel unserer Stiefmutter den hässlichen Kopf ab. Worauf wartest du noch?“

„Aber Gretel, liebes Schwesterlein, ich traue mich nicht.“

„Memme. Dann übst du eben am Waldesrand an Pilzen, Disteln und Fröschen. Troll dich!“

Und ich tat, wie mir geheißen. Ich ging zum Waldesrand, ließ aus meinem Federballschläger einen nackten Säbel werden und haute Pilzen, Disteln und Fröschen den Kopf ab. Was man als Junge so tut, wenn man nichts zu beißen und keine Playstation hat.

Und dann geschah das Drama mit unserem Waldeinsatz. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn ich auf Gretels Rat gehört und unsere Stiefmutter im Schlaf erschlagen hätte. Aber Vergangenheit heißt, dass einem alles vergangen ist, Lust, Chance und Leben. Wir verliefen uns im Wald und landeten schließlich bei dieser geheingeschränkten Seniorin. Ich sehe es noch vor mir, als wäre es heute: ihr safrangefärbtes und grünumkränztes Häuschen unterm Bluthimmel. Aber was dann passierte, das sage ich hier und heute das erste Mal, auf Knien.

In Wahrheit war nicht ich im Käfig, sondern Gretel:

„Ein bissel fasten täte mir ganz gut, vulgo meinem Hüftgold. Und du passt die Gelegenheit ab und schlägst diesem Drachen den Schädel ein, comprende, Brüderlein?“

Was blieb mir anderes übrig. Ich habe nur getan, was mir meine Schwester befahl.

„In den Ofen, in den Ofen“, so hallt es bis heute in mir nach. „Nicht du, die Cruella, du Idi!“

Und so tat ich, wie mir geheißen. Ich sehe es noch vor mir: Die eingeschränkte Dame steckte mit dem Kopf im Ofen, und ich gab ihr nur einen leichten, ganz leichten Schubs, ja, sie rutschte dann fast von allein in den Ofen rein. Ich schwöre, es war nur ein Hauch von einem Schubs. Und dann.

Das Geschrei, das Geschrei. Das war das Allerschlimmste. Ich höre es noch heute genauso wie am ersten Tag, hier in unserem gelben Haus, angegrünt unter tropfendem Himmel. Wie krieg ich das Geschrei bloß aus meinen Ohren raus, aus meinem Kopf?

Schlimm war auch das Gerede, als wir damals heimkamen mit Perlen und Edelsteinen in unseren Taschen.

„Ihr seid Helden! Wie ihr die Hexe ausgetrickst und plattgemacht habt, Chapeau! BTW, könnt ihr uns einen Fuffi leihen, wir sind gerade etwas klamm.“

Und was tat mein liebes Schwesterlein? Verdrehte die Geschichte ins Gegenteil und heimste Ehren, Lorbeeren und Tantiemen für sich alleine ein, das miese Stück.

Sie so: „Das war ich, mit dem Ofen, nur ein Hauch. Und auch die Idee mit dem Knöchelchen kam von mir. Mein dummes und nichtsnutziges Brüderlein saß indes im Käfig und hat sich fettgefressen. Wie alle sehen können.“

Diese Bitch.

Hier meine Dose, in der meine Erinnerungen stecken. War eine Idee von meinem Psycho. Da sind alle Bilder drin, die mich belasten: vom Ofen, der Hexenverbrennung, dem Qualm, dem Gestank. Nur mit dem Geschrei hapert es, das will und will nicht in dieser verfickten Dose bleiben. Was soll’s. Dann mache ich die Dose eben wieder auf und lasse alles raus, was drin ist. Die Welt hat selber Schuld, hui, fliegt davon, ihr Flüche und Verwünschungen, und verteilt euch über die hässliche Welt, mit dem Wind, mit dem Wind.

So vergeht alles und wird Vergangenheit. Auch wenn man ein bissel nachhelfen muss.

He, du, Psycho: Du hast recht, ich habe keine Schuld, das sind die Bilder, die Erinnerungen, die PTBS, die mich steuern und mich halt immer bissel exzessiver machen. Und du, Gretel, liebes Schwesterlein, vielen Dank für alles, was du mich gelehrt hast. Als ich ausholte mit dem nackten Säbel, hast du große Augen gekriegt, wie der Wolf in Großmutters Bett.

Bleibst nur noch du übrig, Geschrei. Ich bin kein dummes und nichtsnutziges Brüderlein mehr, das man nach Lust und Laune hänseln und greteln kann. Nee, nee! Hol noch einmal tief Luft, Geschrei:

Du bist für immer hin und weg,

Wenn ich den Kopp in den Ofen steck.