Grabfunde in der Wulheide – Ein Berliner Friedhofsbesuch

Ich erkundete mit dem Enkelkind die Wulheide, die quasi hinter dem Haus liegt. Auf einem kreisrunden Platz suchte ich eine Bank auf, um die nötigen Dienstleistungen am Enkel zu vollbringen: wickeln, füttern, bespielen. Drei Bänke waren in der Runde angeordnet. Auf der einen saß breitbeinig und weit zurückgelehnt ein Radfahrer, das Rad rechts neben ihm an die Bank gelehnt. Während ich noch beschäftigt war, kam eine Radfahrerin und belegte die dritte Bank. Während es bei uns recht geräuschvoll zuging – unser Enkelkind #1 ist sehr mitteilungsbedürftig –, schwiegen sich die beiden anderen über den Platz hinweg an. Nach einer Weile kam von der Bank des Radfahrers der Ruf: „Wat dajejen, wenn icke rüberkomme?“. Zu meiner Überraschung folgte sofort eine Gegenreaktion: „Wenn de nichts dajejen hast, dat icke hier sitzen bleebe.“ Nach gefühlt einer halben Stunde, tatsächlich aber wohl nach etwa einer Minute, erhob sich der Radfahrer, packte sein Rad, schob es über den Platz und setzte sich neben die Radfahrerin. Eine Bank war wieder frei. Gegenseitig angeschwiegen wurde jetzt auf einer gemeinsamen Bank. Als fünf Minuten lang nichts weiter passierte, packte ich das Enkelkind wieder in den Kinderwagen und schob rüber zu der Bank der beiden Radfahrer. „Wo geht’s hier zum Friedhof?“, fragte ich. „Da lang, dann rechts“, sagte er. Immerhin – Gespräche waren bei äußerster Provokation möglich. Später sagte unser Sohn, als ich ihm diese Szene erzählte: „Der Berliner ist im Allgemeinen gut in mentaler Gesprächsführung.“

Der Waldfriedhof Oberschöneweide liegt in der Wulheide. Ein Grab interessierte mich besonders: das von Walther Rathenau. Rathenau war ein deutscher Industrieller, Schriftsteller und Politiker. Zuletzt nahm er die Funktion des Reichsaußenministers ein und wurde 1922 aus politischen Motiven ermordet. Als Schriftsteller setzte er sich mit Fragen der Zeit auseinander, unter anderem mit der Mechanisierung der Welt, die er beklagte. Er stand der rechtskonservativen Seite nahe, wurde dort aber nicht von allen begrüßt, weil man Juden skeptisch gegenüberstand. Antisemitismus war in diesen Kreisen sehr verbreitet. Rathenaus politische Karriere begann mit dem Ersten Weltkrieg. Er regte die Schaffung eines Rohmaterialamtes an, um die Versorgung Deutschlands mit kriegswichtigen Rohstoffen sicherzustellen. Damit schuf er ein Modell der zentral gelenkten modernen Planwirtschaft, das Lenin als Vorbild diente. Rathenaus anfangs kritische Haltung gegenüber dem Krieg wandelte sich bald. Er empfahl, Zeppeline einzusetzen, um London zu bombardieren, und regte die Deportation belgischer Zivilisten zur Zwangsarbeit in Deutschland an. Den Waffenstillstand 1918 kritisierte er scharf. Rathenau war für die Fortführung des Krieges, um eine bessere Verhandlungsposition zu erreichen. Nach dem Krieg war er Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Er arbeitete 1920 in der Sozialisierungskommission, wurde 1921 Wiederaufbauminister und im Januar 1922 zum Außenminister ernannt.

Als er am Morgen des 24. Juni 1922 mit dem Auto von seiner Villa in Berlin-Grunewald zum Auswärtigen Amt fuhr, wurde der Wagen von einem anderen Auto verfolgt. Drei Studenten hatten einen Anschlag geplant. Rathenau und sein Chauffeur wurden aus dem zweiten Wagen heraus mit einer Maschinenpistole erschossen. Einer der Täter warf noch eine Handgranate in Rathenaus Auto. Die Attentäter konnten zunächst unerkannt fliehen, wurden später jedoch ermittelt. Der 23-jährige Erwin Kern, der 26-jährige Hermann Fischer und der 20-jährige Ernst Werner Techow wurden für den Mord verantwortlich gemacht. Die vom Polizeipräsidenten Ernst Pöhner gedeckte Organisation Consult, der alle drei Täter angehörten, blieb unbehelligt. Weitere Tatbeteiligte wurden jedoch nach dem Geständnis eines Täters ausgemacht, und so kam es zu zehn Verurteilungen, allesamt mit hohen Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen. Kern und Fischer waren bereits im Juli 1922 bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben gekommen. Die Nationalsozialisten solidarisierten sich später mit den Tätern.

Der Mord an Rathenau erregte einiges Aufsehen, es gab Tumulte im Reichstag, und am 27.6.1922 wurde ein Staatsakt für ihn veranstaltet. Der Mord an Rathenau kam weder unvermittelt noch überraschend. Lange vor seiner Ermordung gab es Hetzreden gegen ihn und die Aufforderung, ihn umzubringen („Knallt ab den Walther Rathenau / Die gottverdammte Judensau“).

Einerseits sehe ich Rathenau kritisch, wegen seiner konservativen Haltung und seiner gnadenlosen Politik im Weltkrieg, auf der anderen Seite muss ich anerkennen, dass durch seine Vermittlung nach dem Krieg manches in gute Wege geleitete wurde. Sein Anteil an der Weimarer Republik ist nicht zu unterschätzen. Außerdem mag ich mich nicht auf die Seite der Hetzer stellen, die in Deutschland jetzt wieder allzu laut werden. Ein Besuch an seinem Grab erschien mir angebracht, wenn ich schon mal in der Nähe war – und vielleicht auch, weil er ein Schriftsteller war. Der Waldfriedhof versprach an diesem heißen Augusttag zudem Schatten und etwas Kühle.

Bestattet ist Walter Rathenau im Familiengrab, das der Vater, AEG-Gründer Emil Rathenau, anlegen ließ. Es ist nicht zu übersehen, wenn man den Friedhof betritt. Groß und protzig ragt es zwischen allen anderen hervor. Die Stadt Berlin hat es als Ehrengrab ausgezeichnet. Es lohnt sich, ein wenig auf dem Friedhof herumzugehen. Ein paar andere alte Gräber sind noch interessanter als das von Rathenau. Bei manchen konnte ich gar nicht mehr feststellen, wer dort begraben wurde. Wild wuchert Grün über den Stein und verdeckt bronzene Figuren.

Man könnte die Bodenhaftung verlieren und für immer auf dem Waldfriedhof in der Wulheide verbleiben – es sei denn, man hat ein Enkelkind dabei, das für die nötige Erdung sorgt.

Ihr Horst-Dieter Radke