Horst-Dieter liest: Heinrich Clauren – Das Raubschloß – Kabinett der Phantasten 3 (Klassiker)

Der Ich-Erzähler der Novelle besucht seine Tante im Riesengebirge, bei der er in einem alten Schloss als Kind glückliche Zeiten erlebt hat. Doch die Tante ist in tiefer Trauer. Eine ihrer Töchter ist gestorben und hat sich aus Angst vor dem Scheintod nicht begraben, sondern in einer Gruft unter dem Schloss bestatten lassen. Um dieses Schloss ranken sich außerdem Sagen vom Mord an einem Ritter und der Kindstötung durch seine Geliebte, und man munkelt, dass alle noch als Geister umgehen. Mutig beschließt der Erzähler, in dem Schloss über der Gruft zu nächtigen. Da er nicht schlafen kann, liest er in einem alten Buch über die Totenzeremonie der Templer. Dabei wird er von Geräuschen und Vorkommnissen erschreckt, die sich zu einem fulminanten Finale steigern. Einen „Aufschluß“ über diese Vorfälle gibt es am Ende der Erzählung.

Heinrich Clauren ist ein Pseudonym. Dahinter verbirgt sich Carl Heun (1771–1854), Jurist und Schriftsteller von populären Romanen. Mit der Liebesgeschichte „Mimili“ wurde er berühmt – und gleichzeitig dafür angegriffen. Jeremias Gotthelf schimpfte über das falsche Bild von den Schweizern, das darin gezeichnet wird. Aber die Kritik – auch von anderer Seite – störte das Publikum nicht. Clauren war zu seiner Zeit einer der meistgelesenen Autoren. Wilhelm Hauff wurde bekannt, als er unter Claurens Namen einen Roman veröffentlichte („Der Mann im Mond“), weshalb ihn Clauren auch verklagte. Doch bekam diesem das nicht, weil Hauff ihn in den „Memoiren des Satans“ persiflierte. Außerdem analysierte Hauff in einer Kontroverspredigt die Trivialität von Claurens Stil. Die Erzählung „Das Raubschloß“ soll, so Arno Schmidt, Edgar Allen Poe zu seiner Novelle „The Fall of the House of Usher“ inspiriert haben.

Bei aller Trivialität: Die Lektüre dieser nicht allzu langen Novelle kann auch heute noch fesseln. Geschickt verwebt der Autor die Templerzeremonie, die der Erzähler Nachts in seiner Stube liest, mit äußeren Ereignissen. Immer wenn der Templermeister mit seinem eisernen Hammer dreimal klopft, sind auch außerhalb des Zimmers, in dem der Erzähler sitzt, Klopfgeräusche zu hören. Auf diese Weise wird die düstere Stimmung gut verstärkt. Andererseits sind es die Formulierungen, die aus der Stimmung reißen und den Leser eher zum Lachen bringen:

Da klopfte es zum dritten Mahle wieder drey Mahl draußen so stark und vernehmlich, daß ich zusammen fuhr, und vor Schreck fast kein Glied rühren konnte. Es klang wie Eisen auf Eisen. Dieß Mahl war es keine Täuschung. Ich hatte es zu deutlich gehört. Ich verlor den Athem aus der Brust; das Haar sträubte sich mir empor, es lief mir kalt durch alle Markröhren.Horch – Es ächzte auch wieder, aber schwächer als vorhin. – Der Apfel im Auge erstarrte mir. Die Hände krampften sich geballt in einander.

Ich kann Wilhelm Hauff gut verstehen. Stilistisch sind „Markröhren“ und „der Apfel im Auge“ kaum noch zu unterbieten.

Trotzdem bleibt es eine interessante Lektüre, nicht zuletzt wegen der Parallelen zu Edgar Allen Poe, auf die der Herausgeber, Heiko Postma, in einem informativen Anhang ausführlich eingeht.

Ihr Horst-Dieter Radke

PS: Wir machen mit bei der „Lese-Challenge 2018: Reise durch die Genres“ von Gerngelesen.

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