Wiedergelesen: Johannes Mario Simmel – Bitte laßt die Blumen leben

Ich weiß gar nicht, ob ich im letzten Jahrhundert etwas von ihm gelesen habe. Wahrscheinlich doch. Nun las ich: „Bitte laßt die Blumen leben“. Der Anfang ging bei mir eher in die ‚Hmpf‘-Schublade. Es war mir zu viel Liebe da. Liebe. Liebe und Liebe. Und, wie ich fand, neckische.

Aber dann  – mitten im Aufseufzen – veränderte sich die Geschichte. Doppelter Boden tat sich auf. Die neue Identität des Ich-Erzählers. Das Flugzeugunglück. Und diese herrlich gezeichnete Luxus-Ehefrau. Daneben blühte weiterhin die Liebe zu der jungen Andrea und wurde für mich allmählich glaubwürdiger. Aber die Fiktion darf übertreiben, verzerren, sie soll nur eine interessante spannende Geschichte erzählen. Der Weg des 50jährigen Aussteigers wird dramatisch und selbst unter harmlos scheinenden Sätzen lauert mehr und mehr das (un)bekannte Böse. Raffiniert, mir als Leser den Protagonisten, der auch ein Mörder ist, so unterzuschieben, dass ich ‚Mörder‘ wegpacke. Das kommt erst später wieder hoch, blubbert wie eine gammelige Wasserleiche.  Ja, J.M.S. hatte mich gepackt, mich aus dem Alltag rausgezogen in seine Geschichte, nach Hamburg geholt und natürlich wunderbar der Einfall mit der Kinder-Buchhandlung. Dazwischen erscheint geschickt eingeblendet das Zeitgeschehen der 80er Jahre, macht es wieder aktuell. Der Roman hätte auch heute geschrieben sein können: Neonazis, Schläger, Ausländerfeindlichkeit – alles da.

Und spannende Unterhaltung.

Monika Detering