Horst-Dieter liest: Martin Suter – Melody

Tom Elmer, ein vor sich hin studierender, nicht mehr ganz junger Mann, muss sich plötzlich um Arbeit kümmern. Der Vater hat Suizid begangen und nicht das erhoffte Vermögen hinterlassen, nur Schulden. Immerhin, das juristische Examen ist bestanden. So kommt Tom zu Dr. Stotz, der einen Juristen sucht, der sein Bild für die Nachwelt zurechtrücken soll. Stotz war eine ziemlich wichtige Persönlichkeit in der Schweiz – wirtschaftlich und politisch –, hat nun aber höchstens noch ein Jahr zu leben. Toms Aufgabe ist es, das komplette Archivmaterial zu sichten. Es soll geschreddert werden, was dem Bild von Stotz schadet, das dieser für die Nachwelt erhalten möchte. Das Honorar ist übermäßig gut, und so nimmt Tom die Stelle an. Schnell wird deutlich, dass es eine nebulöse Figur gibt, die Stotz durchs Leben begleitet hat: Melody. Er hätte sie heiraten wollen, aber kurz vor der Hochzeit verschwand sie.

Möglicherweise wurde sie von ihrer marokkanischen Familie beseitigt. Vielleicht hat sie sich aber auch vor ihrer Familie in Sicherheit gebracht. Stotz hat nur Vermutungen parat, und auch die Dienerschaft – die Köchin und Hausdame Mariella, der Hausdiener Roberto und die wenigen anderen Personen um Stotz herum (der Schriftsteller Bruno Schären, Laura, Stotz Nichte, Frau Favre, seine ehemalige Sekretärin) – wissen nichts Genaues. Während Tom beginnt, das chaotische Archivmaterial zu sortieren, erzählt ihm Stotz nach und nach die Geschichte von Melody, zumindest so weit er sie erzählen kann. Als sie beendet ist, stirbt Stotz. Der Roman ist aber noch lange nicht zu Ende. Bei den Nachforschungen, die Tom und Laura nun betreiben, entwickelt sich die Geschichte um Melody plötzlich in eine ganz andere Richtung.

Mir hat der Roman nicht sonderlich gut gefallen. Er ist so, wie die meisten Bücher von Suter sind. Er spielt in der Oberklasse der Schweizer Gesellschaft, es gibt ziemlich viel zu essen und zu trinken. Die Figuren bleiben jedoch blass. Tom ist ein – aus meiner Lesersicht gesehen – langweiliger Typ. Er macht nicht alles richtig, aber auch nichts richtig falsch. Selbst den entzogenen Führerschein für die alkoholisierte Fahrt mit Stotz’ Jaguar (die ihm Stotz erlaubt hat) bekommt er schnell zurück, und der kleine Konflikt mit Laura ist bereits nach kurzer Zeit aus der Welt geschafft und behindert die Annäherung der beiden nicht. Auch die endgültige Auflösung der Geschichte um Melody ist nur für einen Moment spannend und verflacht bis zum Ende derart, dass auch die allerletzte Wendung nicht mehr vom Hocker reißt. Ich hatte schon vor der Lektüre beschlossen, keinen Roman von Suter mehr zu lesen, und habe mich dann doch von einer Person meines Vertrauens dazu überreden lassen. Hat nicht geschmeckt! Auf dem Klappentext steht ein Zitat aus der FAZ: „Mit seinem genial geschmeidigen Erzählstil erreicht Martin Suter Leute auf der ganzen Welt.“ Mich nicht. Und ich finde den Erzählstil auch nicht „geschmeidig“ oder wenn ich dennoch diese Formuierung aufgreife, dann in dem Sinne, dass der Stil von Suter nichts hat, an dem man anecken könnte. Man liest ihn so weg, aber es bleibt auch nichts hängen.

Ihr

Horst-Dieter Radke

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