Joan liest: Bernhard Hennen / Robert Corvus – Die Phileasson-Saga

In den Neunzigern waren mein Bruder und alle seine Freunde Rollenspieler. Obwohl sie auch das futuristisch-düstere „Shadowrun“ mochten, spielten sie meistens doch das mittelalterliche „Schwarze Auge“. Immer samstagabends trafen sie sich bei uns im Gartenhaus, zündeten Kerzen an und rauchten heimlich Pfeife – und weil ich drohte zu petzen, durfte ich mich dazusetzen, obwohl ich jünger und ein Mädchen war. Bis heute erinnert mich der Geruch nach Bienenwachs und Pfeifentabak an diese restlos glücklichen Herbstabende. Zwischen meinen Bruder und seinen besten Freund gekuschelt, lernte ich, dass ich niemals einem Elfen trauen und besser auch keine Geschäfte mit Drachen machen sollte.

Besonders aber liebte ich die „Phileasson-Kampagne“, die die Helden meines Bruders gleich mehrere Jahre in Anspruch nahm. Gemeinsam mit dem Kapitän Phileasson Fogwulf ging es einmal quer durch Aventurien*. Es war ein zauberhaftes, vielschichtiges Abenteuer mit alter Elfenmagie, Drachen und einem ebenso charismatischen wie fiesen Gegenspieler.

Später habe ich das „Schwarze Auge“ vergessen, aber umso mehr freute ich mich, als ich erfuhr, dass es die komplette Phileasson-Saga nun als zwölfbändige Romanserie gibt.

Ich war auch ein bisschen skeptisch, weil der Zahn der Zeit doch sehr an dieser Fantasywelt genagt hat. Wer würde heute noch eine so gänzlich unemanzipierte Prinzessin wie Nedime, die Kalifentochter, dem Leser zumuten, eingelöstes Eheversprechen bei Befreiung inklusive? Aber ich habe es gewagt und mit „Nordwärts“ und „Himmelsturm“ die ersten beiden Bände mit in den Urlaub genommen.

Und was soll ich sagen? Ich war so begeistert, dass ich die insgesamt tausend Seiten nach einer Woche durchgelesen hatte und meinen Mann anflehte, mir Band drei und vier nachzuschicken.

Auch wenn ich die Geschichte in groben Zügen kannte, konnten mich die beiden Autoren überraschen. Es gelingt ihnen, durch eine Vielzahl interessanter Haupt- und Nebenfiguren die Handlung zu modernisieren und ihr zusätzliche psychologische Spannung zu verleihen. Auch schildern sie die Welt mit solcher Detailkenntnis, dass es die reinste Freude ist.

Sonst will ich gar nicht zu viel verraten.

Wer klassische Fantasy mit schönen Elfen und starken Thorwalern/Wikingern liebt, wird hier auf seine Kosten kommen. Das gilt auch für Nostalgiker, die noch einmal ein bisschen in die heile Rollenspielwelt ihrer Jugend eintauchen wollen – und das bei insgesamt zwölftausend Seiten auch wirklich umfangreich tun können. Ich zumindest weiß, was ich diesen Herbst lese.

* Das ist der Kontinent, auf dem das „Schwarze Auge“ spielt.

Joan Weng

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