Hauptsache allein – Autoren und Sport

Ich kann mir vorstellen, dass es Kollegen gibt, die Mannschaftssportarten mögen, weil es eine willkommene Abwechslung zum Alleinsein am Schreibtisch ist. Ich bin da anders. Allen Sportarten, die ich betreibe, ist gemein, dass ich dabei allein sein kann: Schwimmen, Joggen, Radfahren – alles nichts, bei dem man andere Leute braucht oder ertragen muss. Stattdessen kann ich meinen Gedanken nachhängen oder mir Bücher vorlesen lassen. Das finde ich gut. Im Moment jedenfalls – denn mein Verhältnis zu Sport hat sich im Laufe meines Lebens mehrfach verändert.

Als Kind also schwamm ich, zum Leidwesen meines Vaters, der mich lieber im Tennisröckchen gesehen hätte. Ich trainierte zwei Mal in der Woche Kraulen, Brust- und Rückenschwimmen. Als Teenager hörte ich damit auf, denn es gab so viel anderes im Leben. Ich entdeckte Zigaretten, Alkohol und Jungs (in dieser Reihenfolge), träumte von dem Buch, das ich eines Tages schreiben würde, absolvierte eine Ausbildung und wurde darüber eine ziemlich orientierungslose Zwanzigjährige mit einer ungesunden Lebensweise, die sich einen frühen, tragischen Tod wünschte.

Als ich über dreißig war, verwarnte mein Körper mich wegen Vernachlässigung und ich sah ein, dass ich für einen frühen Tod schon zu alt war. Ich hörte auf zu rauchen und Schnaps trinke ich seither nur noch in Ausnahmefällen. Als vernünftige Mittdreißigerin reizte mich ein baldiger Tod nicht mehr und ich begann zu joggen. Als ich nach Berlin zog, wurde Fahrradfahren ein weiterer Teil meines Fitnessprogramms, schlicht, weil das in Berlin oft der praktischste Weg von A nach B ist. Manchmal schwimme ich sogar wieder, auch wenn ich zugebe, dass mir das inzwischen eigentlich zu nass ist.

Als Mittvierzigerin, die ich inzwischen bin, entdecke ich gerade einen neuen Sport für mich: Neuerdings finde ich Krankengymnastik faszinierend. Ich weiß, das hört sich vollkommen unsexy nach Rollator und Senioren im Stuhlkreis an, aber ich stehe dazu.

Meine Faszination für Gymnastik begann, als ich mir bei einem Sturz über eine Baumwurzel beim Joggen einen linken Mittelhandknochen brach. Ich trug zwar tapfer Gips, aber der half nicht und nach einer Operation neun Wochen später hatte sich meine Hand in einen Klotz am Arm verwandelt, einen Fremdkörper, mit dem man ganz sicher nicht blind auf einer Computertastatur tippt. Für eine Autorin und Sekretärin der Super-GAU. Ich versprach meiner Hand alles, damit sie wieder über die Tastatur fliegen würde. Monatelang ging ich zwei Mal wöchentlich zur Ergotherapeutin, die an meiner Hand herumknetete und mir Übungen für zu Hause mitgab. Da hat es angefangen – ich habe immerzu und überall die Fingergymnastik gemacht: in der U-Bahn, am Schreibtisch, während irgendwelcher Meetings. Nach etwa zwei Monaten ging das Tippen schon wieder ganz gut und nach vier Monaten bewegte sich die Hand beinahe wie vorher. Das war der Zeitpunkt, an dem die Ergotherapeutin mir gestand, sie hätte das nicht für möglich gehalten. Sie war überzeugt davon, dass das nur deshalb wieder so gut wurde, weil ich immer brav meine Übungen gemacht habe.

Seitdem fasziniert mich die Wirkung von Krankengymnastik. Ob Rückenschmerzen oder Sehnenscheidenentzündung – da gibt’s doch bestimmt eine Übung. Begeistert nehme ich meine Physio-Termine wahr, denn als jemand, der täglich viele Stunden am Schreibtisch sitzt und gedenkt, dies noch viele Jahre zu tun, weiß ich einen schmerzfreien Rücken zu schätzen.

Noch verbringe ich mehr Zeit mit Joggen als mit Krankengymnastik. Ich vermute, mit zunehmendem Alter verschiebt sich das Verhältnis zu ungunsten des Joggens. Glücklicherweise kann ich Krankengymnastik auch allein machen. Und darauf kommt es schließlich an.

Ihre Dorrit Bartel

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