Dorrit empfiehlt zu Weihnachten: Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Nach dem ersten Kapitel musste ich das Buch erst einmal wieder beiseitelegen, weil mir Jendes  Situation viel zu nahe ging und ich schon nach wenigen Seiten Angst hatte, von seinem Scheitern zu lesen. Wir begleiten ihn zu einem Vorstellungsgespräch, zu dem er auf Empfehlung eingeladen wurde. Ein Manager von Lehman Brothers sucht einen Chauffeur, und das wäre für Jende nach Jobs als Taxifahrer und Tellerwäscher endlich eine realistische Möglichkeit, sein Leben in Amerika zu finanzieren. Jende wagt nicht einmal, nach einem Glas Wasser zu fragen, aus Angst, das könnte ihn den Job kosten, den er noch nicht hat. Mr Clark, der Manager, ist nicht unfreundlich, aber er will sich noch einen zweiten Bewerber ansehen, ehe er sich entscheidet.

Natürlich wäre das Buch viel zu schnell zu Ende, wenn Jende den Job nicht bekäme, und auch der Klappentext verrät es bereits. Wir begleiten ihn nun, wenn er Mr Clark oder dessen Familie durch New York chauffiert. Jendes Frau Neni ist mit einem Studentenvisum im Land, sie will Apothekerin werden. Zwischen den Vorlesungen sorgt sie für das gemeinsame Kind und arbeitet als Altenpflegerin, solange es eine erneute Schwangerschaft zulässt.

Mit Jendes Gehalt haben Neni und er endlich einen Fuß in der Tür zu einem besseren Leben. Besser als zu Hause in Kamerun, wo es keine Arbeit gibt und die wenigen Jobs, die es gibt, so schlecht bezahlt sind, dass sie keine echte Zukunft bieten. Besser auch als jenes, das Jende in den ersten Monaten nach seiner Ankunft in Amerika führte, als die Jobs als Tellerwäscher oder Taxifahrer gerade mal so viel  Geld abwarfen, um sich ein Zimmer mit einigen Männern aus Puerto Rico teilen zu können. Jetzt fehlt nur noch die Greencard, die am Ende eines Asylverfahrens winkt, das Jendes Anwalt wieder und wieder hinausschiebt, weil die Aussichten nicht gut stehen.

Doch dann kommt die Pleite von Lehman Brothers. Ein Ehekrieg bei den Clarks ist für Jende deren schwierigste Folge. Er versucht sich herauszuhalten, doch er gerät zwischen die Fronten und verliert seinen Job. Das erträumte Leben rückt in weite Ferne. Hat er die Kraft, weiter dem amerikanischen Traum hinterherzujagen?

Mir sind die Figuren des Buches schnell nahegekommen, und ich habe mit Jende und Neni gehofft, es möge gut ausgehen. Wobei ich mich immer fragte: Was heißt denn „gut“ für Menschen aus den ärmsten Ländern der Welt? Ist ihr „gut“ vergleichbar mit dem „gut“ der Clarks oder mit meinem eigenen?

Ob es gut ausgeht, verrate ich Ihnen an dieser Stelle natürlich nicht, dafür müssen Sie das Buch schon selber lesen. Ich verspreche Ihnen: Es lohnt sich.

Träumende Grüße
Ihre Dorrit Bartel