Gerade noch gesehen! – Von Schriftstellerinnen und Dichtern (1)

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<p>Eben waren sie noch da – jetzt sind sie weg. Wohin auch immer. Menschen, denen man eben noch begegnet ist, sterben. Da gibt es viele im Laufe der Jahre, manche hat man gut gekannt, manche weniger. Über alle könnte man etwas sagen oder schreiben – und tut es dann doch nicht. An drei möchte ich mich jetzt erinnern, drei, denen ich nur einmal im Leben persönlich begegnet bin.</p><span id=

Anfang Oktober 2018 sahen und hörten wir die Schriftstellerin Mirjam Pressler in der Synagoge in Wenkheim. Viele kennen sie nur als Jugendbuchschriftstellerin oder als Herausgeberin der Kritischen Werkausgabe der Tagebücher von Anne Frank. Ihr letzter Roman „Dunkles Gold“ erschien posthum 2019 und passt besser in diese Tage als manches Sachbuch zum Thema Antisemitismus in unserer Zeit und unserem Land, obwohl der Roman den Bogen bis ins 14. Jahrhundert, in die Zeit der Pestepidemien, spannt. Doch die Haupthandlungszeit ist die unsere.

In der Wenkheimer Synagoge begegnete uns eine deutlich gealterte Frau, die anfänglich den Eindruck einer gewissen Müdigkeit machte. Im Laufe des Abends, im Gespräch und bei den Lesungen hinterließ sie aber einen hellen, wachen und klaren Eindruck. Die Hochachtung, die ich sowieso schon vor ihr hatte, wurde an diesem Abend noch um einiges gesteigert. Über diese Lesung habe ich im Blog damals berichtet. Als ich kaum mehr als ein Vierteljahr später von ihrem Tod erfuhr, war meine erste Empfindung eine große Traurigkeit.

Mirjam Pressler

Zweieinhalb Jahre zuvor, nämlich am 3. Mai 2016, erlebte ich eine Lesung mit dem zunächst lustlosen Hans Magnus Enzensberger. Gerettet wurde die Veranstaltung durch den Moderator Helmut Böttiger, der es schaffte, den Autor bei der Stange zu halten. Über die letzten fünf Jahrzehnte habe ich Enzensberger nie aus den Augen verloren, bin aber weit davon entfernt, alles von ihm Geschriebene zu kennen. Seine frühen Gedichte habe ich nie richtig verstanden. Ich kam eher mit denen von Günter Grass klar, obwohl die denen von Enzensberger an Komplexität nicht nachstehen, sie vielleicht sogar übertreffen. Enzensbergers „Requiem für eine romantische Frau“ (1995) finde ich nach wie vor hervorragend, vielleicht auch deshalb, weil darin die Romantiker eine gehörige Ohrfeige bekommen. Ihr Verhalten den Frauen gegenüber – in diesem Requiem Brentano – war weniger romantisch als machohaft und biedermeierisch verzerrt. Ich rechne Enzensberger hoch an, dass er das so herausgestellt hat. Seine Erzählung „Josefine und ich“ (2006) habe ich mit Vergnügen gelesen. Seinen „Zahlenteufel“ (1997) fand ich genial, „Immer das Geld!“ (2015) jedoch äußerst schwach. Enzensberger verstand vom Finanzwesen nicht viel und übertünchte das mit Geschwafel. In all seiner Widersprüchlichkeit war er aber jemand, den man ernst nehmen konnte. Deshalb habe ich immer wieder zu seinen Büchern gegriffen und sie mal mit Gewinn und mal mit Kopfschütteln gelesen. Bei der Lesung in Bad Mergentheim machte Enzensberger trotz seines hohen Alters keinen altersweisen Eindruck, was ihm jedoch gut stand. Bei der Nachricht über seinen Tod am 24. November 2022 dachte ich spontan: Und wer gibt nun in unserem Land den unbequemen Besserwisser, der manches, aber längst nicht alles, besser weiß? Solche Leute braucht es auch, und leider habe ich noch keinen auf seinem Niveau entdecken können.

Hans Magnus Enzensberger

Martin Walser hörte ich auf der Leipziger Buchmesse 2013. Er war auf dem Stand der ZEIT zu einem Interview geladen und las auch etwas vor. Ich weiß heute nicht mehr, aus welchem Buch. Vielleicht war es der damals aktuell erschienene Roman „Meßmers Momente“. Ihm zuzuhören war trotz des Rummels auf der Messe keine langweilige Sache. Die Lesung dauerte auch nur zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde, so genau weiß ich das heute nicht mehr. Jedenfalls schien er mir so interessant, dass ich beschloss, meine Abneigung beiseitezulegen und etwas mehr von ihm zu lesen. Seine „Ehen in Philippsburg“ (1957) und die Novelle „Ein fliehendes Pferd“ hatten mich nicht überzeugt, letztere auch in der Verfilmung nicht. „Ein springender Brunnen“ (1998) war schon besser, fand ich damals, weiß heute aber nicht mehr, warum. Bei dem Vorsatz, mehr von ihm zu lesen, ist es geblieben. „Ein sterbender Mann“ (2016) hatte ich mir noch gekauft, aber es liegt seitdem und wandert im Stapel nicht gelesener Bücher immer wieder zugunsten anderer nach unten. Bei seinem Tod am 26. Juli dieses Jahres nahm ich mir vor, es endlich zu lesen, schon in Anerkennung seines langen und produktiven Dichterlebens. Er kann nichts dafür, dass mir sein Oeuvre nicht gefällt, und möglicherweise gerate ich noch an Sachen, die mir zusagen. Doch bis heute ist immer noch nichts passiert. Vielleicht nehme ich mir den „Sterbenden“ in der dunklen Jahreszeit einmal vor. Zwei, drei Abende dürften reichen, um den schmalen Band auszulesen. Oder lese ich besser den „Brunnen“ noch einmal? Die Lektüre liegt ohnehin schon lange zurück.

Martin Walser

Alle drei – Pressler, Enzensberger und Walser – sind öffentliche Personen gewesen. Viele kannte sie, selbst wenn sie nicht lektüremäßig „verkostet“ wurden. Gleich fallen mir dazu andere ein, die kaum öffentlich in Erscheinung getreten sind, die mir persönlich näherstanden und deren Tod mich mindestens ebenso bewegt hat, wenn nicht sogar mehr. Hätte ich nicht eher über diese schreiben sollen? Ich werde darüber nachdenken.

Bis dahin

Ihr Horst-Dieter Radke

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