Uns geht es wirklich darum, die Freude am Lesen und Schreiben zu vermitteln

Das Literaturhaus Freiburg

Das Literaturhaus Freiburg ist vermutlich eines der jüngsten in Deutschland, erst im Oktober 2017 öffnete es seine prächtigen Pforten in der Bertoldstraße. Und auch Martin Bruch, 34 Jahre alt, Leiter der Einrichtung, ist voll frischer Ideen und Begeisterung für seine Arbeit. Joan Weng traf ihn zum Gespräch.

Joan Weng: Was ist denn das Grundkonzept des Literaturhauses?

Martin Bruch: Bühne und Werkstatt sind für uns gleichermaßen wichtig. Dazwischen bewegt sich unsere Arbeit als von vornherein interdisziplinär angelegte Einrichtung. Wir haben einerseits Veranstaltungen mit Autoren, Übersetzern, Illustratoren und Büchermenschen aller Art im Programm, auf der Bühne in Gesprächsformaten oder auch ganz klassisch als Lesung. Wir bieten andererseits Werkstätten für Kinder, Jugendliche und für Erwachsene an, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass ein Autor, eine Autorin in ihnen schlummert – oder die so mit anderen Künsten und Wissensgebieten in Berührung kommen.

JW: Ihr bietet auch jeden Monat ein literarisches Werkstattgespräch an. Woher dieser starke Bezug zur Textarbeit?

MB: Hinter dem Literaturhaus steht ein eingetragener Verein – das Literatur Forum Südwest. Es wurde vor dreißig Jahren von Freiburger Autorinnen und Autoren ins Leben gerufen, die nach einem Platz gesucht haben, um über ihre Texte zu sprechen, sich gegenseitig Feedback zu geben und sich zu unterstützen.

JW: Das klingt ein bisschen wie bei uns 42erAutoren – keiner schreibt allein. Aber bei euch ist das natürlich weniger an den virtuellen Raum gebunden.

MB: Ja, das stimmt. Übersetzerinnen und Übersetzer treffen sich zum Beispiel alle zwei Wochen in diesem Raum, in dem wir gerade sprechen, um sich über ihre Arbeit auszutauschen. Es gibt aber auch unterschiedliche Autoren-, Lektoren- und Lesergruppen, die hier zusammenkommen, Vereinsmitglieder, denen wir einen Raum anbieten können. Dazu kommt der offizielle Teil, unser Programm. Bei vielen Veranstaltungen rücken wir auch das Selbermachen in den Vordergrund. Gerade im Jungen Literaturhaus wird ganz praktisch, handwerklich gearbeitet. Von der Stempelaktion über die Druckwerkstatt bis zum Wörtersuchspiel.

JW: Aber ein Unterrichtsprogramm, beispielsweise im Sinne eines Mentorenprogramms, gibt es nicht?

MB: Nein. Die Vereinsmitglieder, die sich hier treffen, machen das ohne Anleitung, ohne Vorgaben oder Richtlinien von uns, auf Augenhöhe. Bei unserem ältesten Format im Programm, dem von dir schon genannten Literarischen Werkstattgespräch, gibt es allerdings eine Moderation, die darauf achtet, dass einerseits die Vorlesezeit von zehn Minuten nicht überschritten wird, und die andererseits ein Auge darauf hat, dass die Kritik sachlich und fair bleibt. Zu den Werkstätten ist jeder herzlich eingeladen, ob als Zuhörer oder Lesender. Der Text muss nur vorher an uns geschickt werden – aus Gründen der Organisation, nicht der Reglementierung. Und für Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren bieten wir ein eigenständiges Format an, das nennt sich „Schreibcouch“.

JW: Ah, da wird der Nachwuchs herangezogen.

MB: Genau, die treffen sich über ein Schuljahr hinweg mit Profiautoren zu Schreibspielen und Übungen und natürlich,  um über eigene Gedichte und Geschichten zu diskutieren. Uns geht es wirklich darum, die Freude am Lesen und Schreiben zu vermitteln. Mit der Reihe Wilder Freitag richten wir uns an Kinder, mit dem Format Dichter dran bringen wir Gegenwartsliteratur in die Schule, Pädagoginnen und Pädagogen laden wir regelmäßig zur Großen Pause, einem unaufgeregten Austausch abseits von Benotungssystemen und Alltagsstress.

JW: Und wenn man jetzt schon veröffentlicht ist, welche Möglichkeiten gibt es dann, im Literaturhaus zu lesen?

MB: Man kann bei uns jederzeit anfragen. Am liebsten gleich mit Textprobe. Auch zahlreiche Verlage und Agenturen kommen auf uns zu – das Programm versucht immer wieder den Spagat von internationalen Stimmen bis hin zu regionalen. Vieles im regionalen Bereich bekommen wir über den Verein direkt mit, da erfahren wir sehr früh, wenn ein Werk im Entstehen ist. Speziell für die Hiesigen gibt es auch Möglichkeiten der Präsentation. Klassischerweise die Reihe Freiburger Andruck, die außer uns noch von weiteren Veranstaltern mitorganisiert wird, unter anderen vom Kulturamt der Stadt. Im Jahr kommen so zwischen drei und fünf Lesungen ins Programm, in denen Neuerscheinungen von Freiburger Autoren und Übersetzern vorgestellt werden. Die Reihe Heimatkunde stellt ebenfalls Schreibende aus der Region vor, häufig mit der Fragestellung: Was ist Heimat, wie viele Formen von Heimat haben Schreibende? Mehrsprachigkeit ist bei uns im Dreiländereck ein großes Thema. Das sind dann Matinees – am kommenden Sonntag beispielsweise tritt der Lyriker Jürgen-Peter Stössel zusammen mit einem Sprecher und einem Musiker auf.

JW: Ah, ein Lyriker. Das finde ich immer sehr spannend. Lyriker haben oft Schwierigkeiten, für ihre Werke ein Forum zu bekommen.

MB: Wir sind große Lyrikfans und Lyrikleser! Jetzt im Sommer haben wir ein ganzes Festival im Haus, bei dem wir Gedichte von der klanglichen Seite betrachten und Grenzgänge zwischen Lyrik und Musik ausloten. Das für manche sperrige Wort Lyrik taucht im Titel übrigens nicht auf. Der lautet: Lauter leise Lesekonzerte.

JW: Stipendien und Preise gibt es aber noch nicht? Ihr seid ja auch noch ein sehr junges Literaturhaus.

MB: Aktuell gibt es tatsächlich nur einen Schülerschreibwettbewerb. Aber man kann sich da noch vieles denken. Unsere Arbeit betrachten wir immer wieder als Experiment und das Literaturhaus überhaupt als einen Ort, der Experiment und Institution zusammenbringt. Das heißt, dass wir ihn nicht als etwas Statisches angehen, denn auch unser Programm richtet sich an ein bewegliches und diverses Publikum.

JW: Das glaube ich gleich. Ich wünsche auf jeden Fall weiterhin viel, viel Erfolg!