Wiedergelesen: Johannes Mario Simmel – Das geheime Brot

Fünf Jahre nach dem Krieg ist die Welt immer noch nicht in Ordnung. Vieles liegt in Trümmern, viele sind noch nicht zurückgekehrt und viele von denen, die am Leben sind, haben kaum noch Hoffnung. Traurigkeit dominiert das Leben. In einer langen Einleitung beschreibt der Autor diese Traurigkeit:

[…] So traurig war alles geworden.

Wer darüber nachdachte, der fand, daß die Menschen deshalb nicht mehr fröhlich zu sein vermochte, weil sie sich fürchteten. Sie fürchteten sich vor der Zukunft und vor allem, was diese Zukunft bringen sollte an Gewalttat, neuerlicher Zerstörung, Rechtlosigkeit, Schmerz und Tod. […]

Einem der Protagonisten, genau genommen dem ersten, der auftritt, Jakob Steiner, geht diese Traurigkeit so an die Nieren, dass er sich umbringen will. Er trifft auf Frau Magdalena Huber, gelernter Maurer und erbittet von ihr einen Strick, um sich aufzuhängen. Sie bemüht sich vergeblich, ihre Wäscheleine vor ihm zu verstecken. Bei Jakobs Versuch, sich an einem Baum zu erhängen, kommt Aram Mamoulian vorbei, ein ehemals reicher und nun völlig verarmter armenischer Teppichhändler. Er ist auf der Suche nach Eiern, die er stehlen könnte. Es ist nämlich gerade Karfreitagnacht und er braucht Ostereier, um einem Kind eine Freude zu machen. Mamoulian wird Zeuge des vergeblichen Selbstmordversuchs und nimmt den unglücklichen, aber noch lebenden Jakob Steiner mit zu sich. Später gesellt sich Frau Huber zu den beiden, und es sammeln sich mit der Zeit noch ein paar andere Gestalten um die kleine Truppe: die Prostituierte Josephine, ihre Tochter Ruth und ein Bauunternehmer, der vor dem Krieg Metzger war. Nicht lange nach dem Zusammenfinden beschäftigt alle eine gemeinsame Arbeit: der Wiederaufbau von Herrn Mamoulians Haus, von dem nur noch der Keller vorhanden ist.

Dass dies nicht so einfach ist und mit welchen Widrigkeiten alle zu kämpfen haben, beschreibt dieser Roman sehr anschaulich. Im Vordergrund stehen aber vor allem die Sorgen und Träume, die jeder Einzelne von ihnen hat. Interessanterweise kommt der Roman fast ohne Antagonisten aus. Die Personen, die Widrigkeiten in die Entwicklung bringen, sind viel zu schwach, um als echte Antagonisten durchzugehen, und es braucht sie auch nur, um die Geschichte in eine andere Richtung zu lenken oder einfach nur neuen Schwung zu bringen.

Weihnachten endet dieses moderne Märchen, das 1950 erstmals erschien. Die Welt lag damals nicht nur in Trümmern, sondern auch die Fronten zwischen Ost und West hatten sich wieder verhärtet. Viele rechneten mit einem neuen Krieg. Der kam auch, allerdings nicht in Mitteleuropa. Er begann in Asien, in Korea, wo beide Mächte sich erstmals gegenüberstanden. Wir wissen das heute. Der Autor konnte das damals noch nicht wissen, er konnte es allenfalls ahnen. Vermutlich hat er diesen Roman auch geschrieben, um Mut zu machen, um ein wenig Freude zu bringen in die andauernde Traurigkeit und um einen Weg anzudeuten, wie es möglich sein könnte, in Frieden miteinander zu leben. Eben ein Märchen, aber deshalb nicht unwahr, wie viele glauben. Märchen sind auf einer anderen Ebene wahr, und wenn man diese Wahrheiten findet oder wenigstens ahnen kann, hat man vielleicht schon ein Stückchen des Weges in eine bessere Welt beschritten. Im Grunde sind die Romane Simmels alle Märchen mit immer der gleichen Botschaft, auch wenn in den späteren die negativen Auswüchse der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung im Mittelpunkt stehen.

Es lohnt sich immer noch, diesen Roman zu lesen, denn im Grunde ist unsere Welt heute nicht besser als vor siebzig Jahren.

Ihr Horst-Dieter Radke